Strompreise steigen - Im Netz gefangen

13.04.2012 16:16

Strompreise steigen - Im Netz gefangen.

 

Die Strompreise werden wohl auch 2012 deutlich steigen - um bis zu vier Prozent, wie Experten schätzen. Diesmal sind die Gebühren für die Leitungen schuld.

Reparatur einer Hochspannungsleitung: Das Stromnetz in Deutschland ist rund 1,8 Millionen Kilometer lang.
Reparatur einer Hochspannungsleitung: Das Stromnetz in Deutschland ist rund 1,8 Millionen Kilometer lang.
Foto: dpa

 

Die Verbraucher müssen sich auch für das Jahr 2012 auf deutliche Strompreissteigerungen einstellen. Der Leiter Energiewirtschaft des Vergleichsportals Verivox, Peter Reese, schätzt, dass die Tarife für die privaten Stromkunden im kommenden Jahr im Schnitt „um etwa vier Prozent ansteigen“. Für Anfang Januar, so Verivox, hätten erst knapp zwei Dutzend der Hunderten Stromlieferanten Preiserhöhungen angekündigt. Die meisten Erhöhungen würden vermutlich zum 1. April kommen. In den vergangenen Jahren war der Hauptgrund der steigende Anteil erneuerbarer Energie im Strommix und die erhöhte Mehrwertsteuer. Kommendes Jahr steigt die Öko-Strom-Umlage erneut leicht an, auch die Großhandelspreise für Strom zur Lieferung notieren etwas höher als 2011.

Doch der entscheidende Preistreiber sind nun die Netzentgelte, die etwa ein Viertel des Haushaltsstrompreises ausmachen. Der unabhängige Anbieter Lekker Energie hat die bislang angekündigten Netzentgelterhöhungen in 80 Netzgebieten ausgewertet, die etwa drei Viertel der deutschen Haushalte abdecken. Demnach erhöhen sich die Netzgebühren um im Schnitt sieben Prozent. Teils liege die Erhöhungen deutlich darüber. Die Nürnberger N-Ergie erhöht um 27,2 Prozent, Thüringer Energienetze um 17,7 Prozent, RWE Rhein Ruhr um 12,8 Prozent und die großen Eon-Regionalnetze – darunter Edis in Brandenburg – um knapp über zehn Prozent. In Berlin erhöht Vattenfall um gut neun Prozent.

Netzentgelte treiben Strompreise

Die Erhöhungen werden für alle Unternehmen, die in dem jeweiligen Gebiet Strom verkaufen wollen, fällig. Ob sie die höheren Netzkosten an die Verbraucher weitergeben, bleibt den Vertriebsunternehmen überlassen. Thomas Mecke, Chef von Lekker Energie, erwartet, dass es kaum Anbieter geben werde, die eine deutliche Netzentgelterhöhung „durch Margenverzicht abfedern können“.

In den vergangenen Jahren war die Entwicklung bei den Netzgebühren recht moderat. Wie kommt es zu den plötzlichen und teils drastischen Steigerungen? Hauptursache ist ein Urteil des Bundesgerichtshofs vom Juni. Die pauschale Anordnung der Bundesnetzagentur, die Netzgebühren um 1,25 Prozent pro Jahr zu senken, geschah demnach ohne ausreichende rechtliche Grundlage und wurde in weiten Teilen für ungültig erklärt. Das 2005 verabschiedete Gesetz war offenbar schlampig formuliert und wurde von der Bundesregierung trotz schwerer rechtlicher Bedenken nicht korrigiert – mit teuren Folgen. Denn die (illegalen) Absenkungen der vergangenen Jahre holen sich die Netzbetreiber im kommenden Jahr meist auf einen Schlag, zum Teil auch über mehrere Jahre verteilt, wieder. Insgesamt geht es um 1,8 Milliarden Euro für die deutschen Stromkunden und etwa 200 Millionen Euro im Bereich Gas.

Der Schaden lässt sich nur noch eingrenzen. Ab 2012 sollen die Absenkungen der Netzgebühren wieder weitergehen. Dafür möchte die Bundesregierung per Eilverfahren eine Gesetzesänderung noch in diesem Jahr durchbringen. Offenbar stößt das Vorhaben in allen Fraktionen auf Wohlwollen. Doch ob das gelingt, ist dennoch unsicher.

Noch gar nicht berücksichtigt in den bereits veröffentlichten Netzpreisen für 2012 ist ein Geschenk der Bundesregierung an die stromintensive Industrie. Firmen, die kontinuierlich besonders viel Strom verbrauchen, werden von Netzgebühren quasi befreit. Das betrifft zwar nur wenige Hundert Firmen, die aber enorme Strommengen verbrauchen.

Quelle: http://www.fr-online.de/wirtschaft/strompreise-steigen-im-netz-gefangen,1472780,11142500.html